Therapiehunde

Das habe ich noch nie gehört! Therapiehunde? Was ist denn das? So, oder ähnlich reagieren Menschen, wenn sie von einem Therapiehund hören. In unserem Land ist dies eine neue Disziplin. Die nordischen Länder und die USA sind uns da weit voraus.

Die Japaner sind bekanntlich Weltmeister in puncto Arbeitsdisziplin. Urlaub ist im Land der aufgehenden Sonne absolut Nebensache. Um ihren Mitarbeitern den Alltag zu verschönern, hat sich in Tokio eine Firma eine Collie-Hündin angeschafft. Sie bietet im Büro Entspannung durch Streicheleinheiten. Dazu läuft die Collie-Dame täglich durch die Räume, und jeder darf sie nach Lust und Bedürfnis kraulen. Der Erfolg: Die Angestellten sind jetzt ausgeglichener und fröhlicher.

In der Schweiz sind vor allem viele Seniorenheime im ländlichem Bereich mit einem Therapiehund ausgestattet, oder es gibt zumindestens einen regelmäßigen Besuchsdienst mit solchen Hunden. Zu diesem Zweck werden sie besonders ausgebildet, müssen bestimmte Prüfungen absolvieren und werden dann gezielt mit Frauchen oder Herrchen eingesetzt.

Diese Idee wurde im Spätherbst 1991 geboren, und im Sommer 1992 konnten die erste Pionierbesuchsgruppe zusammengestellt werden, die nach verbindlichen Püfungsvorschriften der Delta-Society, USA, ausgebildet und im Herbst 1993 mit der entsprechenden Prüfung abgeschlossen wurde. Die sieben Frauen und ein Mann haben alle passende Wirkungskreise gefunden, in Alten- und Pflegeheime, in der psychiatrischen Klinik, im städtischen Kindergarten und in einer Nachsorge-Klinik.

Inzwischen ist die Nachfrage der benachteiligten Mitmenschen jeden Alters so groß, daß nicht alle auf einmal von einem ausgebildeten Team (Hundeführer mit Hund) besucht werden können. Die Teams arbeiten alle ehrenamtlich. In allen nordischen Ländern sieht es ähnlich aus, nur daß dort auch in Ballungsgebieten ein Hund im Seniorenheim anzutreffen ist. In den USA gibt es verschiedene Organisationen, um den Bereich Therapiehundes abzudecken. Zwei seien stellvertretend erwähnt: "Therapy Dogs International (T.D.I.)" und die vorhin schon aufgeführte "Delta Society".

Viele Organisationen bemühen sich um das gleiche Arbeitsfeld, weil die Not und die Hilfsmöglichkeiten mit Hunden schon recht früh erkannt wurden. Bei T.D.I. wurde der Gedanke schon im Februar 1974 geboren, und 1977 wurde die Delta Society ins Leben gerufen. Beide Organisationen legen Wert auf eine Prüfung, wobei T.D.I. ein Minimalprogramm aufweist, das für deutsche Verhältnisse noch unter der Begleithundeprüfung liegt.

Die Delta Society hingegen verlangt ein recht umfangreiches Programm, wobei auch die Hundeführer ein erhebliches Pensum an theoretischem Wissen lernen müssen. Sie hat einen ausgesprochen sorgfältigen Test für Hundeführer und Hund entwickelt. Die langjährige Erfahrung dieser Organisation, die versucht, immer auf den neuesten Erkenntnissen der Biologie, Tierpsychologie und Tierpädagogik ihre Ausbildungen aufzubauen, wird deutlich in der Qualität für Ehrenamtliche ihres Angebotes.

Ihre Teams sind überall dort zu finden, wo Menschen Hilfe brauchen: Alten- und Pflegeheime, Kindergärten, Schulen (besonders Sonderschulen), Heime für Behinderte jeglicher Art, in Häusern für Aids-Patienten, in psychiatrischen Kliniken, Krankenhäuser und Fachkliniken, Rehabilitationszentren, Gefängnissen usw.

Ein Beispiel: In einem kalifornischen Rehabilitäszentrum für Unfallpatienten arbeiteten 1992 37 Therapiehundeteams zusammen mit Ärzten und anderen Spezialisten, wobei Einsatzort und Eignung des Hundes vorher sorgfältig abgeklärt wird. Speziell geschulte Teams können auch zur direkten Mitarbeit zusammen mit Ergo-, Physio-, Sprachtherapeuten, Ärzten und Psychiatern bzw. Psychotherapeuten eingesetzt werden.

Oft genug sind es die Therapeuten selbst, die den Hund halten und ihm als Herrchen vorstehen. In den USA gibt es - wie in Deutschland auch- Vereinigungen, welche Behindertenhunde ausbilden und die Tiere dann an ihre künftigen Besitzer abgeben (Hunde für Blinde, Gehörlose, Mehrfachbehinderte usw.). Dort allerdings zählen sie unter den Oberbegriff der Sozial- und Therapiehunde.

Wenn in Deutschland ein Senior ins Alten- und Pflegeheim will, dann muß er in der Regel seine Haustiere abgeben. Oft genug ist das schlimmer, als wenn ein lieber Mensch stirbt. Die Tiere erfüllen einen ganz wesentlichen Aspekt im Leben älterer Besitzer. Diese reden z.B. mit ihren Hunden und haben eine starke emotionale Bindung an ihn. Treffen sich Hundebesitzer, geben die Hunde immer ein Gesprächsthema, das beide, Herrchen bzw. Frauchen, interessiert. Es ergeben sich also - und das ist vor allem für ältere Menschen wichtig - zwischenmenschliche Kontakte, unerwartete Beziehungen.

Ein Besuch im DRK-Altenheim in Heide - das Leben hat einen Lichtblick erhalten.
Ein Besuch im DRK-Altenheim in Heide - das Leben hat einen Lichtblick erhalten.

Der Hund vermittelt überdies das Gefühl der Sicherheit. Dies muß in Deutschland normalerweise alles aufgegeben werden, um einen der begehrten Alten - oder Pflegeheimplätze zu bekommen. Wenn der Umzug dann vollzogen ist und man sich von dem liebsten Tier getrennt hat, sind vielfach Depressionen vorprogrammiert. Ersatzweise nehmen manche Bewohner ihre Plüschtiere, schmusen und sprechen mit ihnen, da die Hygiene des Heimes wichtiger scheint, als die Psychohygiene der Bewohner. Hier könnte ein Therapiehund Abhilfe schaffen. In Deutschland gibt es hier und da gute bis sehr gute Ansätze, zumindestens im Bereich der Blindenführhunde und neuerdings auch der Behindertenhunde für Rollstuhlfahrer und Gehhilfepatienten.

Der Therapiehund in z.B. Alten- und Pflegeheimen ist ein neuer Gedanke, der sich erst Raum schaffen muß. Was in Deutschland und Europa fehlt, ist die Vernetzung all jener verantwortlichen Leute und Organisationen, die auf diesem Gebiet tätig sind.

Es fehlt somit der Erfahrungsaustausch, die Organisation von Ausbildungen und eine Zentrale, wo Material und Ratschläge vermittelt werden können, um z.B. Beginnern auf diesem Spezialgebiet gezielt und wirkungsvoll unter die Arme zu greifen. Was ebenfalls fehlt, ist eine genormte, einheitliche Standardausbildung von Tier und Mensch. Das würde dem Therapiehundeteam ermöglichen, auch verschlossene Türen zu öffnen.

Heimleiter oder Krankenhausdirketoren hätten dann eine Art "Garantie", daß die Tiere geeignet sind für die vorgesehenen Therapieeinsätze und die Sozialpartner hinten an der Leine über ein solides Minimalwissen über den Umgang mit Kranken und Behinderten verfügen.

Dr. Henninger mit "Lucky" und seinem Sohn: das Glück dieser Erde...
Dr. Henninger mit "Lucky" und seinem Sohn: das Glück dieser Erde...Unser Zuchtrüde: Golden Retriever Lamuel-Lucky von der Stellerburg

Einsatzgebiete und Ziele

Wo und mit welchem Ziel könnten Therapiehunde eingesetzt werden? Abgesehen von den Behindertenbegleithunden für Blinde (Blindenführhunde),Rollstuhlfahrer und Gehhilfenpatienten (u.U. Tragen von Tragetaschen durch Hunde oder Aufnehmen von Gegenständen, die hingefallen sind) und Gehörlose bzw. Schwerhörige (Melden von z.B. Haustürklingel, Babygeschrei etc. durch Hunde), sind Therapiehunde in folgenden Fällen einsetzbar:

---- Akutkrankenhäuser (bedingt)
---- Langzeitkrankenhäuser (bedingt)
---- Fachkliniken
---- Rehabilitationskliniken
---- Kurheime
---- Sterbekliniken
---- Psychiatrien
---- Alten- und Pflegeheime
---- Behindertenheime
---- Kindertagesstätten
---- Kinderheime
----Jugendheime
---- Kinderdörfer
----Jugendvollzugsanstalten
----Justizvollzugsanstalten
---- allgem. bild. Schulen
---- Sonderschulen
---- Einzelpersonen
---- Großraumbüros

Ziele:
---- psychische Aufhellung der Patienten
---- lebensbejahenden Einfluß auf die Patienten
---- Sozialpartner, dem man etwas anvertrauen kann, der nichts weiter sagt
---- Abbau von Einsamkeit - der Hund als Kontaktvermittler
---- Verantwortungsschulung (Übernahme von Verantwortung)
---- der Hund als soziale Integrationshilfe
--- -Steigerung des Selbstwertgefühles - das Gefühl, daß man noch gebraucht wird
---- gesundheitliche (physische und / oder psychische ) Stabilisierung und /oder Rehabilitation z.B.       in der Ergotherapie
---- Schaffung eines lockeren, entspannteren Klimas.

In den meisten Fällen brauchen die Patienten weniger Schlaf- und Beruhigungmittel, als wenn kein Therapiehund eingesetzt wird.

Welche Hunde sind geeignet?
Hunde jeglicher Herkunft und Größe, junge und ältere, die generell sehr menschenbezogen sind. Nervöse, wehleidige, überängstliche Hunde, sowie notorische Kläffer sind ungeeignet. Die meisten Hunde aus dem Tierheim sind nicht für den genannten Zweck geeignet. Zunächst entsteht die Frage, wofür sie eingesetzt werden sollen.

"Flughafentraining, auch das will gelernt sein!"
"Flughafentraining, auch das will gelernt sein!"

Entscheidet sich ein Seniorenheim zu einem Therapiehund, wären sie gut beraten mit folgenden Hundeeigenschaften:

---- mittelgroß (damit der Bewohner nicht aus dem Bett oder Rollstuhl fällt, wenn er den Hund streicheln will oder Angst bekommt, weil plötzlich ein sehr großer Hundekopf vor seinem Gesicht erscheint)
---- gelehrig (der Hund muß einiges lernen)
---- ohne Aggression -ruhig und feinfühlig -langes, weiches Schmusefell wird oft bevorzugt
---- helle Haarfarbe ebenfalls.

Somit wäre der Collie der Idealhund, der Golden und der Labrador Retriever entsprechen diesen Vorstellungen zum größten Teil ebenso. Dagegen wäre ein Kinder und Jugendheim besser mit einem etwas lebhafteren Hund aus diesen Rassen bedient. Auch diese Hunde dürfen nicht nervös, lärmempfindlich oder ängstlich sein und sollten auch mal einen Knuff vertragen können.

Wichtig ist auch, daß der Vierbeiner gutmütig ist und einen natürlichen Beschützerinstinkt hat. Letztendlich ist es eine Geschmacks- und Anpassungsfrage, wie der Hundeführer und der Hund sich der Situation anpassen. Nicht jeder Hund und Hundeführer ist für jede Aufgabe gleich gut geeignet.

Die Ausbildung:
Es fängt schon beim Züchter an, daß die Welpen nicht nur im Haus oder nicht nur draußen im Zwinger aufgezogen werden, sondern soviel wie möglich kennenlernen. Dazu gehört auch ein sogenannter Abenteuerspielplatz. Dort liegen die verschiedensten Bodenbeläge: Sand, Kieß ,Betonplatten, Holzfliesen, Erde und Gras.

Als Einrichtungsgegenstände gibt es z.B. Sträucher, Bäume, große und kleine Steine, Kübel, Tunnel, Brücken, halbe Schalen, große Baumwurzeln, Bälle, Ringe usw. Die Mensch-Tier und Tier-Tier-Bezogenheit ist eine wichtige Komponente, wozu auch Hühner, Enten, Kühe, Schafe etc. gehören. Ab etwa der 8ten Lebenswoche können die Welpen vorsichtig mit dem vertraut gemacht werden, was sie später einmal als Lebensaufgabe ausfüllen sollen. D.h. zum Beispiel, daß sie mit ins Alten- und Pflegeheim mitgenommen werden. Dort gibt es Rollstuhlfahrer, die sich über so einen kleinen Freund auf dem Schoß riesig freuen. Bei einem nächsten Besuch ist evtl. die Bekanntschaft eines Aufzuges dran. Nach dem Motto: möglichst täglich eine Neuigkeit und sei sie noch so klein, aber das schon Bekannte dabei nicht vergessen.

Das Lernbedürfnis des Welpen ist groß und wird durch seine naturgegenbene Neugier unterstützt. Durch die Lernspychologie wissen wir, daß der Hund besser und bleibender lernt, wenn er nach erfolgreicher "Arbeit" gelobt wird. So bekommen wir einen lernfreudigen Hund, wenn Freundlichkeit, Konsequenz und Lob die Grundlage unserer Beziehung zu ihm sind.

Schläge oder körperliche Züchtigung lehne ich strikt ab.

Durch Lob und Belohnung (Leckerli) ist ein fröhliches, vertrauenerweckendes Klima die bessere Voraussetzung zum Lernerfolg.