Sonntagskirche in WDR 4
Sendedatum: Sonntag, 02.06.2013
Autor: Pastor Siegfried Ochs, Krefeld
Titel: Unverhofft kommt oft

Mittlerweile ist er ein halbes Jahr bei uns. Geplant war das nicht. Es ergab sich einfach. Um Weihnachten herum erzählte mir meine Frau, dass ein Golden Retriever gegen eine Spende für eine christliche Einrichtung abzugeben sei.

Ich sagte: „Ruf doch mal an und frag, ob er überhaupt noch zu haben ist.“ Nein, es sollte kein verspätetes Weihnachtsgeschenk für meine Frau werden. Aber ich wusste, wie sehnlich sie sich einen Hund wünscht. Irgendwie ging nach dem Anruf alles ganz schnell. Der Hund sei noch zu haben und müsse ganz dringend abgeholt werden. Am besten sofort.

Unverhofft kommt oft. Das war nun überhaupt nicht geplant.

Sicher, meine Frau wollte immer wieder einen Hund haben. Schließlich hat sie seit ihrer Kindheit mit Hunden gelebt. Außerdem hatten wir ja auch selbst sechzehn Jahre lang einen Hund. Als der gestorben war, war klar: Wir sind beide ziemlich viel unterwegs - meine Frau als Therapeutin und ich als Pastor.

Da - kam ein neuer Hund für mich überhaupt nicht mehr in Betracht. Mehr als vierzehn Jahre lang habe ich mich dagegen gesträubt. Doch die Tatsache, dass es sich bei diesem Golden Retriever um einen Therapiehund handelt, ließ die Sache in einem ganz neuen Licht erscheinen. Und plötzlich hatten wir ganz unverhofft doch einen Hund.

Seit dem 30. Dezember hat er sich nun häuslich bei uns eingerichtet: „Itthai“ heißt er. Das ist hebräisch und bedeutet soviel wie „Gott ist mit mir“. Die Züchterin aus Norddeutschland sucht die Namen für ihre Hunde aus dem Bibellexikon aus. Was haben wir mit dem Namen unseres Hundes nicht schon für Verwirrung gesorgt, für so manches „Oh“ und „Ah“.

Dabei zaubert unser Hund allein schon durch sein Dasein meistens ein Lächeln auf die Gesichter. Er ist eben ein wahrer Therapiehund.

Man kommt nicht nur unverhofft an einen Hund. Manchmal kommt man auch unverhofft auf den Hund, weil wieder einmal überhaupt nichts rund läuft. Ganz im Gegenteil: Familienprobleme, die einen nicht schlafen lassen. Der neue Mitarbeiter, der nervt und stresst. Der Arzt, der einen aus Gesundheitsgründen eindringlich zum Abnehmen bewegen will. Unverhofft kommt oft. Wir hätten unser Leben so gerne im Griff!

Wenn es bei mir mal wieder nicht rund läuft, komme ich auf unseren Hund. Denn in schwierigen Situationen hilft mir der Name unseres Hundes: „Itthai – Gott ist mit mir!“ Damit kann ich doch leben, selbst wenn die nächste ungeplante Überraschung schon auf mich wartet.

Berufsbedingt ist jede Woche für mich mit neuen Herausforderungen gefüllt. Manche Aufgaben - schwierige Gespräche und Besuche - stehen dabei wie Berge vor mir. So war es auch bei diesem Besuch. Was sollte ich nur sagen? Gab es überhaupt Trost für diesen Menschen, der sich nur noch um sich selbst drehte und mit seinem Schicksal haderte?

Ich fühlte mich so ohnmächtig und hilflos. Ein Pastor, dem die Worte fehlen. Der Mann war verbittert über seinen Gesundheitszustand. Er empfand das Leben nur noch als schwere Last. Ohnmächtig konnte ich ihm nur mein Ohr für seine Dunkelheit anbieten und meine Nähe mit seiner Trostlosigkeit teilen.

Auch sie hatte es nicht leicht und war täglich auf den Pflegedienst angewiesen. Aber sie strahlte und war dankbar. Sie nahm jeden Tag neu aus Gottes Hand.

Unser Hund erinnert mich daran: „Ich muss mich nicht allein abmühen. Da ist jemand mit mir.“ Und wenn Sie keinen Hund namens Itthai haben, der Sie erinnert, dann tue ich es heute: Gott ist mit Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer.

Einen überraschenden Sonntag wünscht Ihnen Ihr Pastor Siegfried Ochs aus Krefeld.