Welpensozialisierung, eine Artikelserie von Barbara Puhl

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung
2. Grundlagen
3. praktische Auswirkungen für den Züchter
4. Konsequenzen: Züchter, kann das jeder sein? Körperliche -, nervliche -, geistige -, seelische- , finanzielle-, zeitliche- und räumliche Anforderungen
5. Qualitätsnachweise
6. Praktische Vorgehensweisen bei Sommer - oder Winterwürfen
7. Fazit für werdende Züchter und "alte Hasen",
8. Gewährleistungsgesetz und seine Umsetzung
9. Fazit für alle, die sich einen Welpen anschaffen

2. Grundlagen

Die Definition von Sozialisierung wird so beschrieben:

1. WIKIPEDIA: "Die Sozialisierung (aus dem Latein) ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff und bezeichnet die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen materiellen und sozialen Umwelt. Durch sie wird ein Individuum zu einem vollwertigen Teil der Gesellschaft" (Definition von Sozialisierung im Web).

2. DUDEN: "Prozess der Einordnung des heranwachsenden Individuums in die Gesellschaft und die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen."

3. heißt kurz und knapp: Gesellschaftsfähig-Machung

Wissenschaftliche Grundlagen:

1. Untersuchung nach Stelzner

2. Untersuchungen nach Appleby, weitere Infos unter www.petbehaviourcentre.com

3. Vorträge in 2007 von David Appleby (MSc CCAB), lehrt und arbeitet am "Pet Behavior Centre" in England, an der Cambridge University in den USA und an verschiedenen tierärztlichen Fakultäten.

4. Ergänzungen zu den o.g. Vorträgen von Dr. Esther Schalke, Uni Braunschweig und tierärztl. Hochschule Hannover, Institut für Tierschutz und Verhalten.

5. Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen, u.a. hat sie das Buch "Hundespychologie" Kosmos Verlag, ISBN 3.440-09780-3, geschrieben. (Ethologie)


Die verschiedenen Phasen des Welpen bis zur Abgabe:

Leider gibt es offensichtlich keine einheitliche Einteilung und Benennung der verschiedenen Lebensphasen des Welpen. Fast jedes Buch oder fast jeder Artikel darüber gibt andere Angaben diesbezüglich preis.

Das liegt sicherlich daran, dass es eine rassespezifische Sache ist (die eine Rasse ist eher mit der einen Phase durch, als die andere), eine ernährungsbedingte Auseinandersetzung beinhaltet und auch eine haltungsbedingte Angelegenheit ist, zumal es eine hormonell Bedingung, seitens der Mutterhündin, außerdem noch gibt.

Voller Welpenbauch der Mutterhündin „Yasmin von der Stellerburg“
Voller Welpenbauch der Mutterhündin „Yasmin von der Stellerburg“

Meine Erfahrungen belaufen sich ausschließlich auf Golden Retriever und Collies (Langhaar). Hier stelle ich eine Einteilung in Abstimmung mit verschiedenen Wissenschaftlern auf:

- Die neonatale Phase geht ca. bis zur zweiten Woche.
- Die transitionale Phase (auch Übergansphase genannt) geht bis in die dritte Woche.
- Die Sozialisierungsphase verläuft, je nach Rasse, bis zur 10/16 Woche.
- Die Juvenilphase schließt sich an bis zur sexuellen Ausreifung.
- Die soziale Ausreifung erfolgt dann ca. zwischen dem ersten bis vierten Lebensjahr, je nach Rasse.

Zwei wissenschaftlich herausgefundene Aspekte sind für mich als Züchter von entscheidender Bedeutung, auf die ich auch in dieser Artikelserie genauer eingehen will:

1. In der Zeit von der dritten bis zur fünften Lebenswoche der Welpen ist fast ausschließlich der Parasympathikus in Aktion, dann folgt der Sympathikus.

2. Das Neugierverhalten, was es bis ca. zur achten Woche gibt, wird nach und nach überlagert durch das aufkommende Angstverhalten.

Zu 1: Der Parasympathikus und der Sympathikus sind Gegenspieler im autonomen Nervensystem.

Der Parasympathikus wird auch als Ruhenerv oder Erholungsnerv bezeichnet. In seiner Aktion sind z.B. Atmung, Herz- und Kreislauf normal entspannt und ruhig. Alles was die Welpen in dieser Zeit in ihren Erlebnispool (Maintenance stimuli) sammeln, wird in den Topf "das ist normal, Gelassenheit ist angesagt, es ist ok" getan. Selbst ähnliche Dinge und Gegebenheiten werden später abgeglichen und mit in diesen Pool übernommen. Der Parasympathikus aktiviert alles, was mit Entspannung zu tun hat.

Im Gegensatz dazu der Sympathikus, bei dem Aktion angesagt ist. Der Puls steigt, das Herz geht schneller, der Blutdruck erhöht sich und der Kreislauf gerät in "Wallung". Hier kann Panik mit bleibender Verankerung entstehen.

Wenn also in der dritten bis fünften Woche (sensible Phase) alles das in den Pool der Ruhe und Gelassenheit gelangt, was der Welpe erlebt, wird diese Tatsache ganz entscheidend für das weitere Leben sein. Es ist die entscheidende Phase, ob etwas im Tier sicher ist oder nicht! Darüber werden wir im nächsten Kapitel "praktische Auswirkungen für den Züchter" sprechen.

Die Menschen müssen sich bei mir steriel anziehen und desinfizieren – wie im Krankenhaus auf der Intensivstation -, aber dann dürfen sie mit dem Welpen schmusen. Die Infektionsgefahr durch Fremdkeime ist zunächst recht groß.
Die Menschen müssen sich bei mir steriel anziehen und desinfizieren – wie im Krankenhaus auf der Intensivstation -, aber dann dürfen sie mit dem Welpen schmusen. Die Infektionsgefahr durch Fremdkeime ist zunächst recht groß.

Zu 2.: "Das Neugierverhalten, was es bis ca. zur achten Woche gibt, wird nach und nach überlagert durch das aufkommende Angstverhalten."

Dies ist einer der Gründe, weshalb die Welpen mit der achten Woche abgegeben werden sollten. Viele Wissenschaftler allerdings erachten die 7 bzw. die 10 Woche als besser.

Für werdende Therapie- und Behindertenbegleithunde ist es erlaubt, dass sie, aufgrund eines tierärztlichen Attestes, bereits mit 7 Wochen abgegeben werden, was ich allerdings erst ein einziges mal seit Beginn dieser Arbeit 1988 erlebt habe.

Ruhe und Zufriedenheit in der Kiste
Ruhe und Zufriedenheit in der Kiste

Je stabiler die Welpen im Nervenkostüm und in ihrer Umweltakzeptanz bei der Abgabe sind, umso besser. Trotzdem gibt es noch eine Menge Arbeit für den neuen Hundebesitzer, denn der Züchter kann nicht absolut alles abdecken.

So muss z.B. das Familien-, Einsatz-, Umwelt- oder Wohnortspezifische neu abgedeckt werden, da es oftmals doch sich erheblich vom Zuchtort und den Möglichkeiten zur Sozialisation die der Züchter hatte, unterscheidet.

Hier gilt: je mehr der neue Hundebesitzer seinen neuen Liebling überall täglich mit hinnimmt, desto stabiler und ausgeglichener wird der Hund, wenn, ja wenn sich das neue Herrchen nicht ständig um seinen ängstlichen Welpen kümmert, wenn dieser ihm z.B. zwischen die Beine läuft.

Der Welpe erkennt das dann als Bestärkung des letzt Getanen und wird dadurch immer ängstlicher. Hier ist das Ignorieren gefragt und das heißt: den Welpen nicht anfassen, nicht ansprechen und nicht ansehen!!! Der neue Hundebesitzer sollte so reagieren, wie es die Mutterhündin auch täte.

Der Welpe darf zwar zu ihr angerannt kommen, aber sie kümmert sich überhaupt nicht um ihn, ja, sie geht manchmal sogar weg, damit der Welpe das allein bewältigt. So wird der anfänglich etwas ängstliche Welpe zu einem ausgeglichenen erwachsenen Hund, weil er es gelernt hat, jedwede Situation als bekannt gut zu verkraften.

Saugwelpe
Saugwelpe

Weiter zu Teil 3 - Praktische Auswirkungen für den Züchter