Welpensozialisierung, eine Artikelserie von Barbara Puhl

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung
2. Grundlagen
3. praktische Auswirkungen für den Züchter
4. Konsequenzen: Züchter, kann das jeder sein? Körperliche -, nervliche -, geistige -, seelische- , finanzielle-, zeitliche- und räumliche Anforderungen
5. Qualitätsnachweise
6. Praktische Vorgehensweisen bei Sommer - oder Winterwürfen
7. Fazit für werdende Züchter und "alte Hasen",
8. Gewährleistungsgesetz und seine Umsetzung
9. Fazit für alle, die sich einen Welpen anschaffen

3.4. Sozialisierung bis incl. der achten Woche

3.4.1. Die fünfte Woche: Wir beginnen mit dem Welpenkäufertraining.

Damit es kein Trauma für die Welpen bei der Abgabe gibt und die Welpenkäufer sich schon in die neue Aufgabe und den neuen Hausgenossen eingedacht haben, biete ich ab der fünften Woche Welpenkäufertrainings an.

Normalerweise ist es ein Samstagnachmittag, der dafür vorgesehen wird. Wir sind etwa zwei bis drei Stunden zusammen, so dass genug Zeit ist, um Fragen zu stellen, sich auszutauschen und mit dem Welpen zu schmusen. Dabei lernt der Welpe den Geruch des neuen Käufers kennen, sowie seine Besonderheiten z.B. ein Rollstuhl, ein Rollator, Unterarmstützen, seine spastischen Bewegungen oder psychatrischen Lautäußerungen.

Der Welpe registriert das als völlig normal. Dies beinhaltet allerdings auch, dass der neue Welpenkäufer sich ausgiebig mit seinem Hund beschäftigt. Hier sehe ich schon, wo es hapert. So mancher lässt den Welpen kaum an sich ran oder geht auch von sich aus nicht auf ihn zu. Trotz Animation zu mehr Schmuseeinheiten läuft dieses Unternehmen meist auf Dauer nicht besonders gut. Der Hund wird in solchen Fällen oft als Objekt wie ein Fernseher gesehen aber nicht als lebendiges Wesen mit Empfindungen.

Da unsere Hunde "einen fünften Sinn haben", spürt der Welpe diese Distanz und geht nun seinerseits auf Abstand. (Wie der Herr so sein Gescherr!). Da viele Fotos bei solchen Treffen entstehen, kann ich später auch auf den entsprechenden Bildern den betreffenden Menschen zeigen, was ich meine.

Jetzt ist es noch früh genug, den Welpenkäufer auszutauschen. Manche Menschen brauchen noch etwas Zeit, um sich weiter zu informieren und mit dem Gedanken vertrauter zu machen, was es heißt, so einen Vierbeiner zu sich zu nehmen.

An den Nachmittagen werden von mir aus auch solche Infos weiter gegeben wie:

  • Liegefläche Tag und Nacht für den Hund (Antidekubitusfelle)
  • Wo sollte sein Schlafplatz sein?
  • Bürsten, Kämme, Krallenzange, Endfilzungskamm, Waschmittel, ja oder nein, Kennel, Halsband, Leinen, Futter, Wasser (zum Abholen bitte 2 leere Wasserflaschen mitbringen, denn das Wasser von hier ist anders als das Wasser in Rom).
  • Wie trage ich einen Hund?
  • Wie viel darf ein Hund nach der Übergabe an der Leine laufen, warum, wann die Meterzahl erhöhen?
  • Impfen, Wurfkuren, Floh- und Zeckenmittel, Tierarzt - welche Voraussetzungen sollte er haben, wann mit dem Welpen hin?
  • Welpenspielstunden, Ausbildung mit Begleit- und Verkehrshundeprüfung, Eingangsprüfung zur Therapiehundeausbildung , Grundausbildung zum Therapiehundeteam mit drei Prüfungen.
  • Neues Auto vor oder nach der Abholung?
  • Urlaub mit Hund und Sicherung des Hundes im Auto.
  • Umbaumaßnahmen im Haus oder Garten (meist Treppenbelag, Kindergitter an Türen und Zaun).

Die Welpenkäufer sitzen während der gesamten Zeit auf dem Boden im Außenzwinger auf einer Isomatten. Es ist dabei den Kindern nicht gestattet, dass sie aufstehen und herumlaufen. Schließlich hat deshalb schon so mancher Welpe Schaden genommen.

3.4.2. Autofahrtraining in der sechsten Woche

Markttraining
Markttraining
Restauranttraining
Restauranttraining
Gerüche und Geräusche im Kuhstall
Gerüche und Geräusche im Kuhstall

3.4.3.Siebte Woche: Altenheimtraining

Wenn es die Möglichkeit gibt und alle können, treffen wir uns freitags Nachmittag, denn das Altenheim hat dann mehr Personal. Ansonsten dürfen wir auch wieder am Samstag kommen. Dieses Altenheimtraining ist für die Senioren immer ein Jahreshöhepunkt. Der große Speisesaal wird so umgeräumt dass in der Mitte eine große Freifläche entsteht.

Die Welpenkäufer setzen sich wieder auf den Fußboden mit einem Antidekubitusfell. Die Welpen dürfen alles erkunden. Jeder Käufer ist für seinen Welpen selbst verantwortlich. Er sollte einen Wassernapf mitgenommen haben und Kottütchen, sowie Feudel zum Aufwischen von Hinterlassenschaften.

Es ist schon vorgekommen, dass ein Welpe die Autofahrt dorthin gut überstanden hat, aber sich im Speisesaal übergab. Für solche Eventualitäten sollte auch in Zukunft der Hundebesitzer gerüstet sein.

Das Altenheimtraining ist für die Welpen aufregend, denn es ist eine Welt für sie, die sie nicht kennen. Es gibt dort nicht nur Schweißgerüche, sondern auch Kot- und Uringerüche, Mittagessen- und Desinfektionsgerüche lassen grüßen, ein Wirrwarr von den verschiedensten Gerüchen nimmt der Welpe wahr.

Dazu kommt die unbekannte Optik. Hier macht sich das vorher umfassende Training beim Züchter bemerkbar. Kennt der Vierbeiner z.B. die großen Räder des Rollstuhls? Dann hat er jetzt keine Angst davor. Wir bleiben in dem Altenheim solange, bis der letzte Welpe auch wirklich eingeschlafen ist und seinen Akzeptanzschlaf schläft. Damit zeigt er, dass er Vertrauen in die Situation hat, denn sonst würde er immer weiter - und immer nervöser - herumtigern. Der Akzeptanzschlaf hilft den Welpen das eben Erlebte abzugleichen und schiebt dies in den Ruhepool (siehe Ausführungen zum Parasympatikus), so dass der Welpe ein Leben lang im Seniorenheim ruhig und gelassen sein kann. Das ist der Grund, warum die Welpen nach der Abgabe jeden Tag neues erleben muss.

Wenn es dann lang genug war, werden die Welpen durch ein Ständchen geweckt, was ich mit den Senioren singe. Die Senioren haben bereits Erfahrung mit solchen Aktionen. Sie wissen: wenn die Welpen wach werden, muss jeder schnell nach draußen um sein kleines Geschäft zu machen.

Deshalb sind sie uns auch nicht böse, wenn dann der große Aufbruch kommt und wir uns nicht lange verabschieden können.

Draußen erleben die Welpenkäufer meist erstmalig, was positive Konditionierung bedeutet. Sie sagen: "Mach Pipi", der Welpe hockt sich hin und pinkelt so oder so und der Welpenkäufer darf nach dem Pinkeln überschwänglich loben: "Fein Pipi gemacht!!!" Auf Befehl das kleine Geschäft zu machen ist später eine bequeme Angelegenheit. Sie müssen dann nicht stundenlang mit dem Hund spazieren gehen, nur damit dieser sich löst. Auf den Autobahnrastplätzen, bei Eis und Schnee oder starkem Regen z.B. ist das dann schnell erledigt.

In der Zuchtanlage wieder angekommen, werden die Welpen wieder in ihre vertraute Umgebung verbracht und die Welpenkäufer haben die Möglichkeit, sich bei einer Tasse Kaffee oder Tee sich auszutauschen und Fragen zu stellen.

Achte Woche: Tierarztpraxistraining und Abgabe

Ein intensives Kennenlernen, darauf einstellen, mit sehr viel Vorfreude gekoppelt und so mancher Fürsorge begleitet geht dem Ende entgegen.

Nach einem genauen Abgabeplan kommen die einzelnen Welpenkäufer zum Tierarzt, der vor ihren Augen den Welpen gründlich untersucht. Dabei können die Welpenkäufer dem Tierarzt so viele Fragen stellen, wie sie möchten.

Der Tierarzt muss zwei vorgegebene DIN A 4 Bögen ausfüllen und vom Welpenkäufer unterschreiben lassen, dass dieser nämlich dabei war und mit dem Ergebnis einverstanden ist.

Auf diesem Bogen ist nicht nur nach den sprechenden Gelenken, Haut etc. gefragt, sondern zum Beispiel auch nach dem Gang. Dazu ist es nötig, dass der Welpe auf dem Boden läuft und auf Zuruf auch wieder zurück kommt. Zwei Fliegen werden hier mit einer Klappe gefangen: einmal, zu sehen, ob er auch gut mit den Ohren hört und zum anderen, dass er z.B. keine O-Beine oder Watschelgang hat.

Für die anschließende Übergabe brauche ich etwa eine Stunde, denn das Meiste ist gesagt. Es folgen die Ahnentafel, der intern. Impfausweis, einige Fotos (meist wurden diese aber bereits über E-Mail per Internet schon an die Welpenkäufer geschickt) , die fotokopierten Dokumente von Vater und Mutter mit Ausstellungs- und Ausbildungsnachweisen, Gesundheitszeugnissen und sonstigen Dokumenten. Alles gut sortiert und verpackt in einer Dokumentenmappe.

Die Kopie des täglichen Berichtes auf der Karteikarte, sowie die Anmeldungsmöglichkeit bei Tasso (ein Hundeauffindungsdienst) sind selbstverständlich auch mit in der Mappe.

Ein Stück Stoff mit meinem Geruch wird dem Welpen helfen, besser einzuschlafen.

Außerdem haben sich einige Futtermittelfirmen nicht lumpen lassen und schöne Begrüßungsgeschenke in ein Karton oder Rucksack gesteckt, welches ich nun gegen Unterschrift dem Welpenkäufer übergeben darf.
Die Wasserflaschen werden gefüllt, das Geld wechselt den Eigentümer.

Ein letztes Abschiedsfoto und dann geht es ins neue Zuhause. Wie das gelaufen ist, wird mir meist berichtet.

3.2.5. Nachwort zu Kapitel 3: Die "Angsthasen" unter den Welpen bei der Abgabe

In der Regel werden Welpen ängstlich, wenn sie zu wenig Kontakt zu Menschen und zu all den Dingen haben, die ich oben aufgeführt habe. Diese Angst ist auch kaum noch restlos auszurotten durch den neuen Käufer.

Unwissend, wie ich früher war, habe ich seinerzeit einen tricolour Collie gekauft, der ausgesprochen ängstlich war. Er kannte bis dahin nur den Kuhstall und seine Schwalben, die er gerne gefangen hat. Seine Grundängstlichkeit war, trotz extremer Bemühung meinerseits, nicht mehr ganz zu löschen.

Er war gewiss nicht von Natur aus ängstlich, sondern ängstlich durch fehlende falsche Prägung: Keine anderen Menschen, keine anderen Tiere als nur die Kühe und die Schwalben, keine Autos, keine andere Umgebung als nur den Kuhstall etc. und das 6 Monate lang.

Was einmal von Züchtern versäumt worden ist, kann nicht mehr nachgeholt werden.

Es standen diesem Welpen alle Möglichkeiten offen, doch der Züchter hat sie nicht genutzt! Darum war er ein Leben lang ein psychischer Krüppel.

Oder ein anderes Beispiel:
Ein dark sable Collie wurde von seinem ungarischen Züchter in der Prägephase mit Quietschespielzeug versehen. Nun muss man wissen, dass die Welpen von Natur aus einen Schutz haben: Sie quietschen, wenn sie in Not geraten. Sie sagen damit dem Geschwister oder der Mutter, es ist genug. Es tut weh, ich gehorche… Das Quietschen löst dann eine Beißhemmung aus, woraufhin z.B. die Mutter aufhört, den Welpen zurecht zu weisen.

Dieser o.g. Colliewelpe hatte aber ein Antimittel bekommen, so dass ihm diese Beißhemmung abtrainiert worden ist und er mächtig Spaß an der Quietscherei hatte. So kam es, dass er alle Welpen immer wieder attackierte bis diese quietschten. Dann ging es erst recht los und er bedrängte die armen Welpen extrem. Ergebnis solch einer falschen Prägung: der natürliche Instinkt wurde ins Gegenteil verkehrt was nicht wieder rückgängig gemacht werden konnte!

Der Vollständigkeit wegen sei gesagt, dass es aber ganz selten auch von Natur aus ängstliche Hunde gibt, wie es bei uns Menschen auch von Natur aus ängstliche Menschen gibt. Sie sind von der Genetik her so geboren. Das kann man nachweisen bei uns Menschen, aber auch bei den Hunden.

Ist die Mutter ängstlich, ist es der Welpe vermutlich auch. Ist die Oma ängstlich, ist es die Mutter vermutlich auch, usw.

Da wir beweispflichtig sind, ist das wichtig damit man nicht uns daraus einen Strick drehen kann.

Aber: wie man jedem Menschen helfen kann, ein gutes Maß an Selbstwertbewußsein zu erlangen, so auch bei einem Welpen. Wenn allerdings der Welpe über 18 Wochen alt ist, dürfte das kaum noch gelingen.

Hier hat der Züchter eine riesen Verantwortung!!!

Weiterlesen: Konsequenzen: Züchter, kann das jeder sein? Körperliche -, nervliche -, geistige -, seelische- , finanzielle-, zeitliche- und räumliche Anforderungen